HEINER MÜLLER IM SPIEGEL DER NACHRUFE
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2 Heiner Müllers Werke - eine Auswahl

Viele von Heiner Müllers Stücken kennen nur ein Ergebnis:Apokalypse, Tod, Untergang. Das Material des »professionelle(n) [] Schwarz-Künstler(s)« ist »Deutschland«, wie er selbst sagt. Es sind die Ereignisse der deutschen Geschichte und die der Sowjetunion, die Müller interessieren. Die Internierung seines sozialistischen Vaters in der Zeit des Nationalsozialismus ist ein Grund für die Beschäftigung mit dem »Schlachthaus« 6 Deutschland:»Die Schlacht. Szenen aus Deutschland« (1951 geschrieben, 1974 überarbeitet und veröffentlicht) schildert »den Alltagsfaschismus in den ínatürlichenċ menschlichen Beziehungen« 7 . In fünf Situationen wendet sich Haß in verschiedenen Menschengruppen im Moment einer Niederlage gegen die Mitmenschen. 8 »Germania Tod in Berlin« (1971) zeigt die Zerstörung Deutschlands, kriegerisch verkörpert durch »Germania«, im Scheitern jeder deutschen Revolution.

Das Drama Heiner Müllers beschäftigt sich vielfach mit Revolution, also Umwälzung. Hierzu haben auch seine Erfahrungen aus dem Landratsamt in Waren einen wesentlichen Beitrag geleistet:»Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande« (1961, später:»Die Bauern« 9 ) zeigt die Situation der Bauern nach der sozialistischen Landreform. Heiner Müller erlebt die Umformung des faschistischen besiegten Ostdeutschlands in einen sozialistisch geformten Staat. Müller beleuchtet in seinem Werk den Aufbau des Sozialismus. »Der Lohndrücker« (1956), »Die Korrektur« (1957/1958), »Klettwitzer Bericht« (1958), »Die Umsiedlerin« (1956), »Traktor« (1955/61), »Der Bau« (1964) zeigen mühevolles Arbeiten, Aufbauen, Leben im Sozialismus. Müller orientiert sich am Alltag der DDR.

Revolution, wie sie vielfach in der Geschichte stattgefunden hat, wird umfassend betrachtet. In den Lehrstücken/Tragödien »Philoktet« (1958/64) und »Mauser« (1971) verarbeitet er die Erfahrung des Stalinismus. »Zement« (1972 nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Gladkow entstanden) zeigt die in der sozialistischen Revolution nötige Entfremdung des Menschen:Das Individuum wird zum Glied der Gemeinschaft, während die Entfernung zwischen den Menschen zunimmt.

»Der Auftrag« (1979) beschäftigt sich mit der verratenen Revolution. Drei Männer werden nach Jamaika geschickt, um die Französische Revolution dort fortzusetzen. Die Revolutionäre resignieren:Sie geben ihren Auftrag zurück. Doch die Revolution hat bereits ihre Heimat verloren - in Frankreich leugnet man, den Auftrag an die drei Männer gegeben zu haben.

»Quartett« (1981) ist ein »Reflex auf das Problem des Terrorismus« anhand einer »Gewaltbeziehung« von Mann und Frau, wie Müller schreibt. 10

In seiner Arbeit mit Material der Antike (»Philoktet«, »Medeamaterial« (1982)) findet Müller zeitlose Metaphern. Diese Arbeiten werden vielfach als Ausweichen, als Flucht vor der offenen Kritik an der DDR-Wirklichkeit gesehen. Doch war die Beschäftigung mit der Antike eine zunehmend philosophische Reflexion moderner Thematiken. Müller setzt mit »poetische(r) Vernichtungskraft« 11 der positivistischen, realsozialistischen Kunst einen Kontrapunkt gegenüber. Er fragt in seinen Werken nach den Kosten der Revolution. Dennoch sind seine späten dramatischen Werke nicht als Lehrstücke zu verstehen - Müller entfernt sich hier deutlich vom Theater Brechts. An die Stelle von Brechts »Freundlichkeit« tritt Zynismus:»Der Mensch ist nicht zu ändern - also laß es!« 12 .

Dieser Zynismus spiegelt sich auch in »Hamletmaschine« (1977) wider. Müller überträgt Shakespeares »Hamlet« in die sozialistisch-stalinistische Welt. Es kann als Selbstbetrachtung des marxistischen Intellektuellen, der sich in verschiedenste konträre Identitäten wandelt, gesehen werden. »Hamletmaschine« zeigt auch Müllers Situation zwischen Anerkennung der DDR und der Feindschaft ihr gegenüber.

Sein Drama beschäftigt sich mit der Idee des Sozialismus. Dessen Umsetzung war Müllers Material. Es ist mit dem Zusammenbruch der osteuropäischen, sozialistischen Staaten 1989 Geschichte geworden. 13 Müller bei der Verleihung des Kleist-Preises 1990:»Eine Zeitmauer ist gefallen, und wir alle stehen sozusagen über Nacht in einem Raum mit unbekannten Dimensionen [...], jedenfalls in einer kleistischen Situation.« 14

Nach dem Zusammenbruch des politischen Systems »Sozialismus« verfaßt Müller - »der Kapitalismus langweil(t) über alle Maßen« 15 - kaum noch Dramen. Der Dichter wird zum erfolgreichen Regisseur - und bleibt Lyriker. Zahlreiche Gedichte aus allen Schaffensperioden sind erhalten. Auch aus der Zeit nach 1989 existieren Gedichte, in denen sich Müller mit dem Umbruch (»1989...«, »Fernsehen«) und - im Angesicht des eigenen Todes - mit sich selbst und dem Sterben beschäftigt. (»Mommsens Block«, »Theatertod«)

Wie Günther Rühle in seinem Nachruf schreibt, blieb Müller der sozialistischen Idee treu, distanzierte sich aber entschieden von seiner Form in der DDR, von den »verkommenen Ufern«:»Vom Kommunismus band er sich nicht so los wie von manchen führenden sozialistischen Genossen im Land.« 16 Auch seine Kunst paßt nicht in das von den Autoren erwartete Bild:Er »war nicht gegen die Zielsetzungen der sozialistischen Gesellschaft, aber er bediente nicht den gewollten positiven Realismus, mit dem die Kunst sich in Staatspropaganda verzehrt. Er hatte eine eigene, nicht eine entliehene Kraft.« 17 Infolge dessen kommt es immer wieder zu offenen Konflikten zwischen der Staatsführung und dem Künstler. 18 Seine Treue zum Sozialismus wie auch seine Sprachgewalt hindern die Kulturfunktionäre jedoch daran, sein Schaffen in der (ost-)deutsche Literaturszene zu unterdrücken oder andere repressive Maßnahmen zu ergreifen. Darauf deutet schon der Titel seiner Autobiographie »Krieg ohne Schlacht« hin.

Müller genießt seit 1968 begrenzte Reisefreiheit 19 . Auch dies mag Grund für seine Treue gegenüber der DDR gewesen sein. Er selbst sieht in Bertolt Brecht eine Legitimation, in der DDR zu bleiben, obwohl zahlreiche Autoren ausreisen:»Brechts wegen konnte man für die DDR sein.« 20

Müller läßt aber nicht ab, die Wunden aufzuzeigen, die die kommunistische Revolution geschlagen hat. »Müllers große Leistung war, daß er, anders als Brecht, den innerkommunistischen Tragödien nicht auswich. Er verteidigte zwar [...] die Notwendigkeit der Opfer im Geschichtsprozeß, aber er tat es wenigstens halbherzig. Er wandte den Blick von den Opfern nicht ab, und deswegen liebe ich ihn.« schreibt Biermann.

»Langsam vollzog sich seine Genese vom Schriftsteller zum Dichter.« 21 Müller entfernt sich zunehmend von Brecht. Während seine Ansätze zu Beginn kaum metaphorisch geprägt sind, wird seine Sprache später immer poetischer. In »Lohndrücker« wirkt »noch deutlich das 'Prinzip Hoffnung'«, doch schon in »Der Bau« breitet sich Skepsis aus. 22 Der Umschlag »vom sinistren Revolutionsglauben zur apokalyptischen Verneinung jedweden Fortschritts« 23 vollzieht sich in den 70er Jahren:»Wo ist der Morgen, den wir gestern sahen?« 24 Zynismus wird schließlich als Markenzeichen Müllers gesehen. 25 Die Hoffnung auf eine bessere Welt wird »mit dem Bild des fatalen, tautologischen Kreislaufs, geformt und durchwirkt vom Leidensdruck vergangener und immer aufs neue 'vor unseren Augen gerinnender Gegenwart'«»kontrapunktiert« 26 .

In seinem letzten Werk, »Germania 3« läßt Müller nach langem Schweigen eine Entscheidung gegenüber Aspekten der Gewalt in den Ideologien Marxismus und Nationalsozialismus erkennen. »Endlich die lang entbehrten, vermißten Positionen des Heiner Müller, des Dichters. Klare Stellung zu Stalin, zu Hitler, den Deutschen, der Roten Armee.« 27

In mehreren Nachrufen ist das Bild des steinernen Werks Müllers zu finden:»Heiner Müllers Texte, die sich danach zu sehnen schienen, in Basalt gehauen zu werden, waren immer in Gefahr, blechern zu scheppern.« 28 »[Sein] Werk steht als Findling in der Landschaft der deutschen Literatur« 29 , der aus ihr herausragt durch seine Härte, seine Unnachgiebigkeit. »Ein Satz von Joyce fällt mir zu Heiner Müllers Texten ein:'My words in her mind:cold polished stones sinking through quagmire.'« 30

»Heiner Müller wollte auf die deutsche Revolution und den deutschen Tod reagieren:vornehmlich in Allegorien, an denen er herummeißelte wie an antiken Statuen. Müller haute auf Stein.« 31 Die Sprache seiner monumentalen, endgültigen, schweren Texte ist zugleich »steil erregt, expressiv ausgeglüht« 32 . Müllers Drama wird sprachlich radikal. »(H)emmungslos« drückt Müller den Untergang in einer Sprache von »Kot, Blut und Sex« 33 aus. Treffsichere und geradlinige Metaphern sind das Markenzeichen seiner Sprache. Sein Umgang mit dem zugrundeliegenden Material ist bezeichnend:Sprachfragmente werden zu einer kontrastreichen Landschaft. Sätze sind entliehen, die Sprache wechselt ins Englische. »Stückwerk als Methode.« 34

Sein Theater kommt nicht zur Ruhe, es überrascht immer wieder aufs Neue - wie seine Dramaturgie. Müller schreibt in Versform und in Prosa. In »Der Auftrag« fügt Müller in die Zeit der Französischen Revolution einen traumatischen Monolog der Moderne ein. »Quartett« spielt in einem »Salon vor der Franzözischen Revolution« und im »Bunker nach dem dritten Weltkrieg.« »[S]o entgleitet in den Stücken Müllers auch Geschichte in der Aufhebung der Unterscheidbarkeit von Rollen, Zeiten, Räumen, Ursachen und Wirkungen.« 35

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